Samstag, 9. November 2019

Y el viernes también



Kaum bin ich im Bett, ist wieder Aufstehzeit für meinen Körper, der jeden Morgen ein bisschen Auslauf braucht. Täglich wählt er eine neue Route, was hier in der Großstadt viel leichter ist als in Krems. Kurz nach fünf kommen die letzten Nachtschwärmer aus den zwei Lokalen beim Einkaufszentrum Neptun. Soll ich mir dieses Centro Comercial heute Nachmittag antun? Soll ich wie die Spanier und Spanierinnen ab dem späten Nachmittag von Geschäft zu Geschäft gehen? Aber wozu. Lieber mache ich in Sachen Kultur weiter.


Statt Schule wollen der Musiklehrer, seine fünf Schülerinnen und ein Schüler der Abschlussklasse ins Konzert. Ich auch! Schließlich bin ich de Austria, habe in Musik maturiert und konnte nicht mit zum CERN in die Schweiz, wo einige andere AbschlussklässlerInnen zur Zeit sind. Konzert also im Auditorio de Manuel de Falla. Drei Kilometer sind es dorthin, zum Teil steil den Alhambra-Berg hinauf, aber keiner der Jugendlichen murrt oder macht schlapp.


Ich verstehe langsam, wieso die meisten Schülerinnen und Schüler in den zwei Jahren des Bachillerato so viel ernster und fleißiger wirken als die nur ein paar Monate jüngeren: der Musikkollege erklärt mir, dass bei der Zulassung zum Universitätsstudium einerseits eine dreitägige Aufnahmsprüfung notwendig sei, dass aber auch die Noten der beiden letzten Schuljahre relevant sind. Für mich erklärt das einiges. Was ich zusätzlich erfahre, würde so manchen österreichischen AHS-Schüler und viele AHS-Schülerinnen begeistern: hier in Spanien kann man für die beiden Abschlussjahre der Oberstufe einen Zweig wählen, in dem kein Mathematikunterricht mehr stattfindet. Diesen Weg der Humanidades, auf dem man Latein lernen muss und Musiktheorie  aber eben nicht Mathematik, wählen allerdings heute nur sehr wenige SchülerInnen. Man möchte etwas 'Ordentliches' studieren und danach viel Geld verdienen, zum Beispiel Wirtschaftswissenschaften oder Medizin, wobei letzteres Studium an der hiesigen Universität besonders hart sein soll und nur die allerbesten KandidatInnen aufgenommen würden, lerne ich auf unserem raschen Spaziergang durch das Realejo-Viertel.



Manuel de Fallas Kopf darf ich hier von vorne zeigen,
die Köpfe meiner Schülerinnen und Schüler nicht


Wir dürfen hier bei der Generalprobe für heute Abend dabei sein, so wie manche Gruppen meiner Schule in Österreich immer wieder im Musikverein zuhören dürfen. Das Programm Desde el Silencio, Compositoras besteht aus Stücken von drei Komponistinnen der Romantik, darunter Fanny Mendelssohn und Clara Schumann, deren frühes Klavierkonzert Opus 7 uns am besten gefällt. La Orchesta Ciudad de Granada hat dazu eine Gastdirigentin eingeladen, Catherine Larsen-Maguire, und der armenische Pianist des Schumann-Werks, Levon Avagyan, studiert in Graz. Das halbe Orchester bestünde aus SpanierInnen, erzählt mein Kollege, der die meisten hier persönlich kennt, die anderen MusikerInnen kämen aus der ganzen Welt. Unsere SchülerInnen sind überwältigt und wollen in ihrem Wahlfach Musiktheorie noch mehr über Komponistinnen und Dirigentinnen und Musikerinnen hören. Mission accomplished, umso mehr, als ich die Mädchen zu ihren Englandreisen befrage und sie alle erfreut auf Englisch antworten. Maturaniveau Englisch B2? Schriftlich vielleicht, mündlich noch lange nicht. Aber das System ist anders hier, und Hispanohablantes tun sich oft schwer mit el inglés. Die Abschlussprüfungen sind übrigens nicht zentral vorgegeben, sondern jede Schule stellt die Prüfungen für ihre Schäfchen zusammen, so wie früher in Österreich.


Der Lockenkopf verdeckt die Kathedrale





Weil wir ganz nah beim Wohnhaus des Komponisten De Falla sind, besuche ich es gleich, statt zur Schule zurück zu gehen. Die Freiheit einer Praktikantin.




Manuel de Falla und seine Schwester haben zwanzig Jahre in diesem Haus gelebt, bevor sie 1946 nach Argentinien auswanderten. Mit dem aus der Nähe Granadas stammenden Federico García Lorca, dem Gitarristen Andrés Segovia und einigen mehr hat De Falla vor fast hundert Jahren hier in der Stadt ein Flamenco-Festival organisiert, das heute noch nachwirkt, sagt man.


Zum Andenken an das
wichtige Flamenco-Fest 1922



Ich mag Flamenco einfach sehr


Ich läute also am Eingang des De Falla-Museums, bezahle drei Euro und bekomme eine halbstündige Exklusivführung durch das kompakte Haus mit überraschend vielen kleinen Zimmern. Überall Zeichnungen von Freunden des Komponisten wie Picasso oder auch Debussy, daneben die Originaleinrichtung und Gegenstände der BewohnerInnen, sogar die alte Bettwäsche ist noch da. Der nette Führer hat Angst vor Katzen und meint, ich solle doch hier bleiben samt Kind aber ohne Haustier, wenn mir Granada so gut gefällt. Lange Geschichte, die nicht hier her passt.


Etwas weniger ist von zwei anderen, noch viel berühmteren SpanierInnen übrig als von Manuel und María del Carmen de Falla, und irgendwie ist es doch sehr viel mehr, was geblieben ist von Los Reyes Católicos, deren Gebeine hier in Granada, in der eigens als Mausoleum errichteten Capilla Real, auf Besuch warten. Und der kommt zahlreichst. Photographieren darf ich nicht in der Kapelle, die größer als viele Kirchen und durch ein Tor mit der Kathedrale verbunden ist. Ich besichtige also und sehe sie nicht, Königin Isabella von Kastilien und König Ferdinand von Aragón, die wir heute die Katholischen Könige nennen: ihre Knochen und die eines weiteren Königspaars plus die eines ihrer Enkel sind in Bleisärgen unter den zwei überlebensgroßen Marmordoppelbetten versteckt, auf denen das Ehepaar und, daneben, seine Tochter Johanna und den Schwiegersohn Philip liegen. Allein, man sieht sie nicht gut, und so kaufe ich später eine nette Ansichtskarte, um meine Neugier zu stillen. Von Juana la Loca und ihrem Habsburger-Mann Felipe el Hermoso finde ich leider kein Bild, jedenfalls keines, das ihre marmornen Leiber zeigt. So gern hätte ich den Schönen Philip aus Österreich gesehen, der hier mit den Reyes Católicos umschwärmt wird. Die deutsche Infobroschüre betont die 'tiefe historische und menschliche Bedeutung' der Königskapelle. Beeindruckend ist es schon, das Lebenswerk des älteren Herrscherpaars: es hat Granada mit dem kastilischen Reich verbunden und die Einigung Spaniens erreicht, hat Sohn und Tochter mit halb Europa verheiratet und, auch nicht ganz unwichtig, nach der 'Entdeckung' Amerikas die Kultur, Religion und Sprache Spaniens in die Neue Welt geschickt. Reina Isabel wusste schon, warum sie den Auftrag gab, ausgerechnet in Granada ihr Grabesdenkmal zu bauen, mit etwas über 50 Jahren, nicht lange vor ihrem Tod.



Isabel de Castilla hat Besuch von Cristóbal Colón,
der bei uns Herr Kolumbus ist, ...

... und liegt in Marmor neben ihrem Mann Fernando de Aragón
in der Königskapelle

Was meine deutsche Sprachkursfreunde, mit denen ich im Sommer 1989 eine WG im Zentrum Granadas teilte, nicht für möglich gehalten hatten, geschah dann sehr bald: am 9. November fiel in Berlin die Mauer. Einer meiner Mitbewohner stammte aus Westberlin, und sein Brief nach dem Mauerfall zeigt Überraschung, Überwältigung, ja Schock. Vor 30 Jahren!

Bin gespannt, ob die Parlamentswahlen übermorgen ein vereintes, einiges Spanien bringen. Eine Isabel und einen Fernando könnte das Land brauchen.


Was Granada jedenfalls zu Zeit hat, ist hoher Besuch. Nicht nur ich, auch ein Neffe John F. Kennedys weilt in der Stadt. Robert Kennedy Jr. wird irgendeinen Vortrag zum Thema Umweltschutz halten und ist ganz meiner Meinung: er und ich haben die Umweltverschmutzung in Granada gar nicht bemerkt, weil wir uns auf die Schönheit der Stadt konzentrieren. Na ja, ein bisschen schlecht wird mir schon, wenn ich in einer der vielen engen Gassen oder neben einer der breiten Straßen sitze, gehe oder laufe... vor allem seit ich weiß, dass Granada nach Madrid und Barcelona Platz 3 in der Hitparade der schlechtesten Luftqualität belegt. Schnauf. Hust. Angst. Bloß - wundern tu ich mich nicht über die Statistik. Meine nette Flamenconachtskollegin sagt, es liegt am fehlenden Wind. Ich glaube, es liegt auch daran:


Große, ...

... kleine und ganz kleine Stinker in Granada


Man versucht seit langem gegenzusteuern. Ich folge dem Vorschlag der Stadtverwaltung und gehe täglich viele Kilometer. Aber ich habe auch Zeit während meines Hospitationspraktikums und kann sie mir meist flexibel einteilen.


Soll heißen: geht alle zu Fuß, Granada ist gehenswert!


Viele meiner Kollegen und Kolleginnen am IES Pedro Soto de Rojas sind nicht so frei wie ich und düsen täglich mit dem Auto zur Arbeit und wieder nach Hause. In einer Woche bin auch ich wieder daheim und lasse mich mit dem Auto vom Flughafen abholen, kurz vor Mitternacht.