Samstag, 16. November 2019

Un viernes negro



Noch ist Black Friday nicht da, die EnglischlehrerInnen und teaching assistants bereiten aber natürlich schon Unterrichtseinheiten dazu und zu Thanksgiving vor. Nicht anders als zu Hause, wo ich bald wieder sein werde. Schön, weil Kind und Katze und SchülerInnen, nicht schön, weil es hier noch sooooo viel zu erkunden gäbe. Am 16. ist Tag des Weltkulturerbes und damit Gratiseintritt in die Alhambra, nächstes Wochenende machen die Schilifte in der Sierra Nevada auf, wie mir der Taxifahrer gerade erzählt hat, das nächste Erdbeben kommt sicher auch bald, neue Flamencoschuhe haben immer noch nicht ihren Weg in meinen Koffer gefunden... Aber ich muss heim, via Madrid. Bin ein bisschen früh dran, aber ich habe dem Direktor und den Kolleginnen nicht glauben wollen, dass der Flughafen mit dem langen Namen Federico García Lorca, Granada/ Jaén sooooo winzig ist.


Genau sechs Flüge zwischen Mittagessen
und nächstem Frühstück


Ein schwarzer Tag im IES Pedro Soto de Rojas, für mich jedenfalls, denn die Schule samt ihren Menschen ist mir ans Herz gewachsen, trotz des hohen Lärmpegels.


Heute hab ich es endlich in eine bilinguale Stunde mit dem US-Assistenten geschafft: er zeigt den ZweitklässlerInnen in Geschichte eine Dokumentation des Tourismusverbands von Asturien, in der eine amerikanische Stimme vom Jakobsweg erzählt. Toll für mich und andere middle-aged travelers, aber nicht nach dem Geschmack der Kinder. Der TA hat die Wiedergabegeschwindigkeit gedrosselt, was sehr unnatürlich klingt, und die englischen Untertitel sind fehlerhaft: statt Asturias steht einmal Austria, statt dessert zum Essen lese ich desert, die Wüste. Hmmmm. Die Kleinen beantworten nach dem Video die Fragen des jungen Amerikaners mit Begeisterung, sie freuen sich offensichtlich über seinen Besuch. Der ist allerdings kurz, und genau zur Halbzeit wechselt Kevin zu einem anderen Kollegen, der sich im bilingualen Programm engagiert. Ich bleibe und spreche laaaaangsam auf Englisch über Österreich, über den Truppenübungsplatz Allentsteig -  ja, wirklich; es ging gerade noch um die Verehrung des Grabes des Heiligen Jakobus, dann plötzlich sind wir bei Hitler, dessen nicht vorhandenem Grab und irgendwie bei seinen und meinen Vorfahren im Waldviertel, die selbstverständlich nicht verwandt waren.


Gleich nach der großen Pause geht es beim selben Kollegen weiter mit Kunstgeschichte, deren Studium er mit dem Doktorat abgschlossen hat. Eine Handvoll SchülerInnen der Abschlussklasse schreibt brav bei seinem anspruchsvollen Vortrag mit, ich mache heimlich ein Photo, das beweist, dass der einzige Altphilologe im Haus ebenfalls diesen kleinen Sonderunterrichtsraum verwendet. Latein und Griechisch sind auch hier Orchideen, die wenige SchülerInnen wählen, während die meisten den Weg der Naturwissenschaften gehen. Die EnglischkollegInnen sagen, sie bemerkten keinen Unterschied zwischen den einzelnen Zweigen, und ich müsste noch viel länger bleiben, um das zu beurteilen. In jedem Fall wollen nur wenige hier über Musik oder Kunst lernen, und das fette Buch über La historia del arte ignoriert uns ÖsterreicherInnen fast zur Gänze. Ich finde genau ein Klimtgemälde, das knapp gesprochen wird. Hmmm.



Latein kann man hier lernen,
Altgriechisch auch; Deutsch nicht



Knapp ist leider nicht das Stichwort, wenn ich mein Gepäck anschaue. Gestern Abend war ich begeistert, jetzt hab ich den Salat. 


   
Turrón kann  man nie genug haben, ...

 
... außer der Koffer wiegt schon 26 Kilo OHNE Süßes:
 mein Handgepäck am Flughafenklo


Am Flughafen musste ich gerade ein paar Kilogramm ins Handgepäck umschichten, das jetzt aus zwei schweren Rucksäcken besteht. Und zu allem Überfluss hab ich keine Hand mehr frei für ein weiteres Geschenk, das die doch ziemlich lange Reise wahrscheinlich ohnehin nicht gut überstehen würde.

   
Ihr müsst leider hier bleiben,
ihr leckeren Piononos

Der Fluģhafen füllt sich mit Passagieren, die nach Nordafrika wollen. Ich auch! Und kann ich meine Rucksäcke bitte hier lassen? Im Granada Duty Free ist eine Sorte Turrón im Angebot, noch dazu die, die mir am liebsten ist. Warum hab ich nicht alles hier gekauft?


So ein kleiner Flughafen, und sogar manche Toiletten sind winzig.


Links oder rechts, welche soll ich nehmen?


Zwei Oberösterreicher im Anzug wollen sicher auch nach Wien, die meisten anderen eher nur nach Madrid. Ich bin weiterhin für Melilla oder gleich Granada, und meine zwei Seelen streiten ein wenig hier in der eine  Wartehalle.


Eine größere Aueinandersetzung durfte ich heute Vormittag miterleben, als es beim Treffen der Lehrerinnen und Lehrer, die auf Englisch und Spanisch unterrichten, um Geld ging. Obwohl sie einiges mehr an Vorbereitung für ihre Stunden im Klassenzimmer leisten, bekommen sie dasselbe Gehalt wie die übrigen KollegInnen. Zu Beginn des Projekts der bilingualen Schulen gab es zusätzliche Abgeltungen, aber jetzt ist das vorbei. FEDE, eine Organisation, die mit EU-Gremien zusammenarbeitet, überweist Geld an die Schulen, diese leiten es an die FremdsprachenassistentInnen weiter, die mit den spanischen KollegInnen den Unterricht gestalten. 800 Euro im Monat bekommt Kevin für die dreizehn Wochenstunden, die eigentlich 26 unterschiedliche Einheiten sind, weil er immer nur jeweils dreißig Minuten in einer Klasse ist. TAs in Österreich haben dieselbe Lehrverpflichtung, ihr Gehalt ist aber doppelt so hoch. Wie es zu solchen Unterschieden kommt, weiß ich nicht, ich habe allerdings auch nie gefragt, was meine Englischkolleginnen und -kollegen verdienen. Über manche Dinge spreche ich nicht gern. Charo, meine Englischkollegin, die den bilingualen Unterricht koordiniert, sagt es auch nicht gern, muss aber: es stehen Inspektionen bevor, bei denen jemand von FEDE kommen wird um zu prüfen, ob denn wirklich zwanzig Prozent (oder besser mehr) von jeder Stunde auf Englisch gehalten werden. Die KollegInnen knurren und erklären mir, was FEDE ist: Federation for Education in Europe. Arbeitet mit dem Europarat zusammen und ist irgendwie zuständig für all die bilingualen Schulen im ganzen Land. Fragen über Fragen tauchen plötzlich auf, mir fehlen noch so viele Informationen, kann ich vielleicht doch noch ein paar Tage länger bleiben und ein Paar Tanzschuhe suchen?


Was ich unbedingt noch machen möchte ist, die Eindrücke, die ich von Schule, LehrerInnenteam und Schülerinnen und Schülern gewonnen habe, zusammenzufassen. Aber jetzt geht es auf in die Hauptstadt, wo wir in weniger als einer Stunde schon wieder landen sollen.


   
Ein letzter Blick auf das Schneegebirge,
aka la Sierra Nevada

So klein!