Sonntag, 3. November 2019

Murcia en un dia

Murcia, eine Gründung der Araber aus dem 9. Jahrhundert, liegt in einem fruchtbaren Obst- und Gemüseanbaugebiet, das hauptsächlich mit dem Wasser des Rio Segura bewässert wird. Die Projekte in diesem Fluss und um ihn herum gewannen vor drei Jahren den European River Prize, worauf man hier sehr stolz ist. Man kümmert sich um die Pflanzen und Tiere im Wasser, hält die Ufer möglichst rein und vermietet kleine Boote mit Solarantrieb.


El río Segura


Ein weiteres Highlight in der Altstadt ist natürlich La Catedral de Santa María, die sich der schönsten Barockfassade Europas rühmt. Drinnen ist es auch ganz nett, wie ich am Abend des Allerseelentags erfuhr: an die 200 Menschen, fast alle 60 plus, feierten die Heilige Messe mit einem wirklich guten Pfarrer, der eine Dreiviertelstunde fast ganze ohne Musik bestritt und sich von umhergehenden Touristen nicht stören ließ.


Die schönste Barockfassade Europas, hier in Murcia


Der Platz vor der Kathedrale gehört noch zwei weiteren herausragenden Gebäuden: dem bunten Rokoko-Palast des Erzbischofs ...




und dem erst zwanzig Jahre jungen Zubau des Rathauses, dem Edificio Moneo, direkt gegenüber der Kathedrale. Hier würde ich wohnen, wenn man mich ließe.

Das große Fenster gibt den Blick frei
auf den gesamten Platz. Mein neues Zuhause.


Den Turm neben der Kathedrale könnte ich erklimmen, wenn nicht ausgerechnet heute Sonntag wäre. Schade. Zwei Geschäfte hinter der Kirche haben geöffnet, eines lockt mit Flamenco-Outfits für Kinder. Soll ich meinem Teenager eine Erstausstattung mitnehmen?





Die beiden Damen im Zocomur verspeisen gerade Paella aus dem Restaurant nebenan, der Kellner isst auch ein bisschen mit, bevor er die große Pfanne mitnimmt. Ich soll mich ruhig umschauen, probieren, gustieren im übervollen Verkaufsraum. Aber mit meinem fetten Rucksack haben sie hier nicht gerechnet, und blitzschnell enthaupten wir, der Rucksack und ich, eine kleine Katze, die auf einer Halterung für Räucherstäbchen sitzt. Rumps, tot ist sie. Lo siento muchísimo. Ich muss das Ding nicht bezahlen, kaufe noch schnell einen kraftspendenden Anhänger für mein Kind, das verkühlt ist und trotzdem jeden Tag Handball spielt, und ziehe los Richtung Museo Salzillo, das dem berühmten Barockkünstler aus Murcia gewidmet ist. Francisco Salzillo schuf unter anderem Holzfiguren für die Prozession, die jeden Freitag vor Ostern durch die Stadt zieht.


El Museo Salzillo, natürlich neben einer Kirche.
Murcia hat davon noch mehr als Granada, glaub ich.


Im Museum darf ich nicht photographieren, also schaue ich mir ein paar Filmchen über La Semana Santa en Murcia an. Dann schlendere ich weiter, vorbei an kleineren Keramikfiguren, die Salzillo für Weihnachtskrippen hergestellt hat, und bestaune den fast lebensgroßen Heiligen Johannes und die Heilige Magdalena mit ihrem Schweißtuch.

Komisch, denke ich, wieso essen die dort drüben schon, es ist erst kurz nach zwölf, viel zu früh für Spanier. Essen sie an Sonntagen vielleicht dich früher? Oho, das sind gar keine Spanier, sondern die zwölf Apostel samt Jesus beim Letzten Abendmahl, geschaffen von Francisco Salzillo. Täuschend echt am Tisch sitzend, alle dreizehn, allerdings am leeren Tisch. Erst am Karfreitag wird man ihn wieder üppigst decken mit Obst und Getränken und mehr, wie ich aus den Filmen weiß. Und die ganze Figurengruppe samt Festmahl schleppen dann kräftige Männer durchs Zentrum von Murcia. Ob ich wiederkomme in den Osterferien, um mir das Spektakel anzuschauen?


Eigentlich reizt mich ein anderes Fest mehr, für das die Stadt bekannt ist: el Entierro de la Sardina, das Begräbnis der Sardine am Aschermitttwoch. Das wäre nett. Aber bekomme ich schulfrei für den doch eher langen Ausflug?


Wäre ich zu Hause, hätte ich morgen und übermorgen noch schulautonom frei. Aber viel lieber arbeite ich morgen an meiner Kurzzeit-Schule in Granada, wohin ich am Nachmittag den nächsten Bus nehme.


Wieder dauert die Fahrt mehr als drei Stunden, dieses Mal in einem unbequemen Bus, in dem fast ausschließlich Studentinnen und Studenten reisen. Ich fühle mich seltsam heute Abend, wie eine Junglehrerin, und morgen wird anstrengend und neu und aufregend sein, denn mein Hospitationspraktikum wird endlich beginnen.